ACHTUNG Nr. 48

Field Guide: Fashion People 2024

Geht das, eine gesamte Branche anhand seiner:ihrer Protagonist:innen vorzustellen – sämtliche Berufe, Orte, Arbeitsumfelder – zu einem unkonventionellen Porträtpuzzle der deutschsprachigen Modelandschaft zu gruppieren? Nicht mit dem Anspruch allseitig stellvertretender Charaktere, sondern als Menschen, die von ihrem Können, ihrer Position, ihrer crowd geformt sind, schließlich gleicht der eigene Werdegang oft genug einem Tasten und Suchen. 

Ist die Berufung Mode aber erst einmal gefunden, erscheint das obligatorische „Und? Was machst Du so?“ fast identitätsstiftender als der eigene Name – den man sich – skandalös – immer noch nicht selbst aussuchen kann. Zu verdanken haben wir diese Fetischisierung der Arbeit übrigens der wunderbaren neoliberalen Welt, die nicht nur aus dem eigenen Ich (Zitronenwasser, Meditiation, Self-love), sondern auch unserem Tun (Herzensthema, Purpose und so) ein Image gemacht hat. Ich arbeite, also bin ich?

Jemand, der mit Neoliberalismus noch nicht viel am Hut hatte, aber trotzdem eine der bemerkenswertesten Serien über Berufsbilder erschaffen hat, ist der deutsche Fotograf August Sander. Er und seine Arbeiten waren für uns der Initialpunkt dieser Ausgabe, hat Sander doch in seinen Porträts das Individuelle und Typische gleichzeitig in Szene gesetzt. 

Antlitz der Zeit, heute ein Klassiker der Fotoliteratur, erschien erstmals 1929. Die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, sein epochales Porträtvorhaben, auf wenigstens 46 Mappen zu je zwölf Aufnahmen angelegt, folgte. Sanders Aufnahmen bedeuteten Unmittelbar- und Sachlichkeit, es ist ein sezierender Blick auf Gesicht, Gestik, Beruf, Stand und Umfeld, den Sander vollbracht hat, eine stille, unsentimentale Innenschau des (Berufs-)Alltags, die zeigt, dass hier jemand mit Hilfe der reinen Fotografie „Soziologie schrieb, ohne zu schreiben“. So formulierte es zumindest der Schriftsteller Alfred Döblin in einem einleitenden Essay zu Sanders Erstwerk. Gesellschaftskunde in Fotografien sozusagen. 

Soheib Salmann in ALEXANDER MCQUEEN photographed by Spyros Rennt and styled by Alex Rottenmanner

Veronika Kunz in GUCCI photographed by Sigrid Reinichs and styled by Mirjana Hecht

Beda Achermann in KOLOR photographed by Sean Thomas and styled by Markus Ebner

Individuelle Persönlichkeiten darzustellen, die zugleich aber Repräsentanten sind, darin liegt auch die Spannung der Aufnahmen in dieser ACHTUNG No.48. Als Frauen und Männer der Stunde lassen sie sich wohl betiteln, das Fundament der Mode in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie Michael Kliger, Chef von Mytheresa, der mit dem Yoox Net-a-porter-Deal gerade endgültig die Marktherrschaft übernimmt. Oder Petar Petrov, den nicht nur unsere Autorin Silke Wichert für den coolsten Designer of the moment hält und Cécile Feilchenfeldt, die von bunten Mützen für Kim Jones bei Dior bis zu elastischen Fischnetzen voller Perlen für Balenciaga Couture alles für die Großen der Pariser Mode strickt. Vorgestellt und eingeordnet, von ihrem Werdegang oder der Branche erzählend. Quasi eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustands, ein ordnender Blick, entwachsen aus unser A(CHTUNG)50 Liste – den 50 wichtigsten Köpfen der deutschsprachigen Mode, die wir seit fünf Jahren immer wieder aufs Neue erstellen und seit Juni 2023 gemeinsam mit dem FAZ Magazin publizieren. Seit März 2019 soll sie vor allem eines zeigen, dass sich das Thema Mode in oder aus Deutschland nicht nur am stumpfen Vergleich mit Autos und Maschinenbau diskutieren lässt, sondern auch an jenen Menschen, die Mode so ernst nehmen wie ihren Beruf.

„Mode ist eine sinnliche und rasche Reaktion auf das Jetzt. Sich mit Mode befassen heißt, Ja zum Leben sagen. Oberflächen zu lieben, zu studieren und zu kultivieren ist eine sehr tiefgründige Angelegenheit“, schrieb einst die Designerin Gabriele Strehle im SZ Magazin. Sie ist übrigens nicht in dieser Ausgabe zu finden (dafür in der ACHTUNG No.47, wo wir mit ihr exklusiv über ihre Geschichte zum Ende bei Strenesse sprachen). Und auch so manch anderer wird sich hier nicht wiederfinden. Aber das ist dann das Unterhaltsame an so einer Liste. Die persönliche Auswahl. Sie dreht sich zumindest meist um Geschmacksfragen. Welchen Kriterien sie folgt? Sie sind so elastisch wie jedes Geschmacksurteil, lassen sich aber bei entsprechender Eloquenz herrlich begründen, wie man in dieser Ausgabe lesen kann. Die, die sich in dieser Ausgabe wiederfinden oder nicht wiederfinden, lachen dann hoffentlich zu Tränen – und das können sie nur, weil sie wissen, wie absurd nicht nur die Existenz jeglicher Liste ist, sondern auch jede menschliche Existenz.

Michael Kliger photographed by Thomas Gothier in Munich

Petar Petrov photographed by Mafalda Rakoš in Vienna

Cécile Feilchenfeldt photographed by Julia von der Heide in Paris

Title image: Cover 1: Herbert Hofmann in DIOR MEN photographed by Spyros Rennt. Cover 2: Johanna Bouvier in KNIZE and shoes UMA WANG photographed by Anna Breit