
Cover 1: Jakob Weißbarth in CELINE HOMME photographed by Lukas Städler and styled by Alex Rottenmanner. Cover 2: Milena Tscharntke in Top CELINE and Jewelry TIFFANY & CO. photographed by Julia von der Heide and styled by Markus Ebner
ACHTUNG Nr. 49
Mode als Opposition
FIRST THINGS FIRST: Diese Ausgabe ging exakt zwei Tage vor der Bundestagswahl in den Druck. Wir haben also keine Ahnung, wie der Ausgang der 21. Bundestagswahl unser aller Schicksal bestimmen wird. Oder auch nicht. Überhaupt ist das mit der Politik gerade so eine zweischneidige Sache. Angeblich wenden sich immer mehr Menschen von ihr ab. Zynismus hier, großes Achselzucken dort; selbst Politiker:innen sehen in ihrer Berufswahl mittlerweile ein Imageproblem. Gleichzeitig quillt der eigene Algorithmus-gesteuerte Instagram-Feed schier über mit politischen Diskursen, Statements oder Kuriositäten wie neuerdings den gorg maga girlies. 106.4 Millionen Mal geliked, geteilt, gepostet – das für Republikanerinnen typische Make-up: dick aufgetragene Foundation, stark betonte Augenringe, überzeichnete Lippen. Als wäre das alles noch nicht absurd genug.

Gorg Maga Girlies via TikTok
Zumindest in der eigenen Filterblase ist Politik also gerade irgendwie Thema. Aber auch in der Mode? Und wie verhält es sich eigentlich mit der Mode in der Politik? Sagen wir mal so, auch dass die modische Stilkritik in den Politikkommentaren weiterhin zu den Randdisziplinen gehört, die nicht oftmals die stilprägenden Politiker:innen ex negativo vorführen soll, hat uns von ACHTUNG zu dieser Ausgabe bewogen. Als Erinnerung reichen da allein schon die Häme, die Angela Merkels Look hervorrief. Dabei hat sie – trotz oder gerade wegen all dem Spott – am Ende ihrer Zeit als Kanzlerin etwas geschafft, was schon fast genial ist: ihre Outfits waren kein Thema mehr. Schwarze Hosen, Blazer in allen Farben des Regenbogens, mal mit, mal ohne Kragen. Unauffällig, nicht diskutabel und doch zugleich eben genau das ist: ein Look.

Angela Merkel’s colors
Frauen haben es da eh unweit schwerer. Überschriften wie „Darf sie das?“ sind da noch die harmlosen Kommentare zu nackten Schul- tern (Annalena Baerbock), auffälligen Farben (Kamala Harris) oder exzentrischer Schuhwahl (Theresa May). Wie sehr diese Art der Bericht- erstattung auch immer die Rolle der Frau in der Gesellschaft widerspiegelt (man ahnt, bei männlichen Politikern ist dies nicht der Fall), kann man aktuell am Beispiel von Brigitte Macron, der französischen Première Dame, sehen, wie ACHTUNG-Weggefährte und FAZ-Modemann Dr. Alfons Kaiser in dieser Ausgabe schreibt. Dass es auch anders geht – sachlich, präzise, mit journalistischem Handwerk – beweist seit Jahren schon die First Lady des Modeurteils: Vanessa Friedman, die Chef-Modekritikerin der New York Times.
Von ihr stammt auch die wunderbare Feststellung, dass Mode in der Politik nicht nur Kleidung, sondern vor allem Kommunikation bedeutet. Und dass es „die Pflicht einer Zeitung wie der New York Times“ wäre, über die Kommunikation der Politiker:innen zu berichten. Womit das Thema der Nichtigkeit von Äußerlichkeiten in der Politik endgültig entkräftet wäre. Unsere Chefreporterin Silke Wichert und SZ-Redakteurin Tanja Rest haben sie kurz nach der amerikanischen Wahl interviewt.

Vanessa Friedman photographed by Ralph Mecke exclusively for ACHTUNG 49
Das Outfit ist also immer auch die Message, selbst wenn sie beispielsweise so skurril daherkommt wie beim ehemaligen britischen Premierminister Boris Johnson. Der trug schon als Bürgermeister von London gerne mal auffällige Laufoutfits: rote Strickjacke, offene beigefarbene Teddy-Fleecejacke und weiße Hawaii-Shirts. Auch seine später zerknitterten Anzüge und verdächtig tief rutschenden Hosen, durchaus mit Bedacht gewählt, sollten sie doch eher darüber hinwegtäuschen, dass der Mann, der in dem Anzug steckt, ansonsten das Produkt einer höchst-elitären Ausbildung ist: Eton, Oxford – Mitglied im legendären Bullingdon Club, dem mächtigsten Männerbund Englands – dazu seine Altgriechisch-Sprachkenntnisse. Aber hey, ja, er sieht aus wie ein Idiot. Aber tun wir das nicht alle? Durchaus eine Botschaft, die ihn als lustigen Proleten, als Held der Arbeiter- klasse, als „einer von uns“ erschienen ließ.
Überhaupt scheint das exzentrische Großbritannien für einiges gut zu sein. So beispielsweise auch für Vivienne Westwood, die Mutter aller Mode-Revoluzzer, fußte doch praktisch ihre ganze Karriere auf modischem Protest: Einsatz für den Umweltschutz, Befürworterin des schottischen Unabhängigkeitsreferendum, Kampagnen für die Tierschutzorganisation PETA, Free Assange-Fürsprecherin. Und wie sieht es sonst so mit den politischen Statements in der Mode aus? Momentan eher mau, handeln die meisten doch eher nach dem Motto „Ich arbeite in der Mode. Die Politik ist nicht mein Job.“

Boris Johnson’s untypical sense of style

Mother of fashion-revolutionaries: Vivienne Westwood
Diese Aussage stammt übrigens von Karl Lagerfeld aus dem Jahr 2011. Der ließ sich drei Jahre später doch dazu hinreißen, seine Sommerkollektion wie ein buntes Friede-Freude-Feminismus-Happening samt Protestplakaten zu inszenieren. Nahm man ihm mit späteren Aussagen wie „Ich war nie Feminist. Ich bin dafür einfach nicht hässlich genug.“ irgendwie aber doch nicht ab. Hübsch anzusehen war’s trotzdem. Zumindest war er, der Zeitgeist- Seismograph, einer Sache damit voraus: Auf einmal galt es fast als langweilig, wenn Mode einfach nur Mode war. Da musste eine Kollektion plötzlich ein moralisches Bewusstsein, eine gesellschaftliche Vision, eine Meinung haben.
Die Modeindustrie in den Jahren 2016 bis 2020 geradezu politisiert: LGBTQ+-Kollektionen bei Burberry, pinke Pussy-Hats bei Missoni, Kampagnen-Slogans wie Make Love Not Walls bei Diesel. Ja, selbst The Row, sonst eher bekannt für stillen Luxus und minimale Kommunikation, ließ sich zu schlichten, weißen Oversize-Shirts mit den Worten hope und freedom hinreißen.

Karl Lagerfeld’s Chanel Spring 2015 Collection

Missoni’s Pink Pussy Hats for Fall 2017
Und heute? Schlechte Zeiten, der Ernst der Lage lässt sich halt schlecht kommerzialisieren. Oder anders gesagt, die jetzige Ignoranz entlarvt nun frühere Praktiken schonungslos als das, was die Marken betrieben, um irgendwie relevant und im sozialen Fahrwasser zu bleiben. Sprich, die Mode ist meist dann politisch, wenn es etwas zu verdienen oder zumindest nichts zu verlieren gibt. Anders kann man es sich gar nicht erklären, warum es geradezu gespenstisch leise zu geht. Bestes Beispiel? Die Berliner Modewoche. Denn während parallel allein in Berlin schätzungsweise 160.000 Menschen zum Demonstrieren gegen die Migrationspolitik der CDU und Zusammenarbeit mit der AfD auf die Straße gingen, hört und sieht man davon auf den Laufstegen nichts, wie FAZ-Autorin Jennifer Wiebking feststellt.
Dass dies auch anders geht, zeigen gerade nur wenige. Allen voran die ukrainischen Designer:innen wie Anna October und Lilia Litkovska, denen wir unsere Kolumne Ostblick widmen. Oder der mexikanisch-amerikanische Designer Willy Chavarria, er beendete seine Show am 25. Januar mit einem Video, was mittlerweile viral gegangen ist: Bischöfin Mariann Budde und ihr Appell an Präsident Trump und seine Anhänger, Barmherzigkeit gegenüber LGBTQ+-Personen und Einwander:innen zu zeigen. Chavarria wie auch die jamaikanisch-britische Designerin Grace Wales Bonner gehören zu jener Riege von Designer:innen, die für mehr Sichtbarkeit dieser Menschen und ihrer Kulturen in der Mode sorgen. Weshalb das so wunderbar aussieht? Weil sie zeigen, dass Rebellion nicht das Gegenteil von Eleganz sein muss. Nachzulesen in unserer Kolumne Im Augenblick, die sich auch damit beschäftigt, warum das Thema cultural appropriation gerade jetzt eine Rückkehr erlangen sollte. Apropos Comeback: So, wie auch die Politik durchaus für Comebacks auf den letzten Metern bekannt ist, hier eins in eigener Sache: Pünktlich vor unserer 50. Jubiläumsausgabe im Herbst ist unser Stilbeirat Eckhart Nickel zurück. Welcome back, mastermind of headlines!

Ostblick in ACHTUNG 49. Magatte Diop wearing Anna October and Litkovska photographed by Laura Schaeffer and styled by Alex Rottenmanner.

Im Augenblick: Erbstreitereien by Nicole Urbschat for ACHTUNG 49

